Ich trinke Tsipouro nur mit dem alten Griechen, der ganz vorne in der Kneipe sitzt, gleich am Fenster, neben der Garderobe; ich kenne seinen Namen nicht, er nennt mich jedenfalls immer Helmut, obwohl ich nicht so heiße. Ich will meistens nur auf ein Helles bleiben, vielleicht zwei, vielleicht drei – das mit dem Schnaps habe ich mir längst abgewöhnt. Jedesmal nehme ich mir vor, mich nicht neben ihn zu setzen, nicht neben diesen alten Griechen mit den Schlupflidern und der gelblichen Haut. Oft glaube ich, und bin sogar felsenfest davon überzeugt, dass es ist mir diesmal endlich gelungen ist – dass ich mich diesmal nicht neben ihn gesetzt habe, oder dass er an diesem Tag tatsächlich einmal nicht da ist, doch kaum dass ich das denke, liegt schon seine warme Hand auf meinen Unterarm und ich höre ihn flüstern: Tsipouro? Das ist nur eine Frage, aber in meinen Ohren klingt es wie ein Versprechen, ach was, wie eine Verheißung klingt es!, und ich könnte ja verneinen, jederzeit ablehnen, ich müsste mich dafür nicht einmal rechtfertigen, ich müsste einfach nur den Kopf schütteln, kurz das Kinn heben oder die Stirn runzeln, das würde ja reichen!, doch dann stehen da auf einmal zwei Pinnchen, sie stehen genau zwischen uns auf dem blank polierten Tresen, der vom schummrigen Licht so beschienen wird, dass die Gläser wie Gefäße für ein wichtiges Ritual wirken – und woher kommt eigentlich immer diese Flasche?, etwa aus dem Tabernakel?, dem heiligsten Ort dieses Etablissements, und immer ist sie mindestens halbvoll!
Der alte Grieche hat mir einmal erzählt, sein Vater habe für das ganze Dorf gebrannt, alle Winzer hätten ihm den Trester gebracht, man habe ihm einfach vertraut, er habe eben schon immer ein Händchen für Destillate gehabt. Lebt er denn noch?, habe ich den alten Griechen einmal gefragt, und der alte Grieche hat geantwortet: Natürlich nicht!, und damit war dieses Thema ein für allemal beendet. Ich sehe es nicht, ich sehe es nie, denn ich schaue dem alten Griechen währenddessen immer in die Augen, er hat diese müden, trüben Augen eines Weisen oder aber eines Säufers oder vielleicht auch beidem, jedenfalls sehe ich nie, wie er er uns einschenkt, er ist ein Magier, das stimmt – vielleicht aber auch Charon, Anubis, Geist?
Das Trinken ist ja ein großes Privileg, viele wissen das nicht: im Rausch erwacht nämlich etwas Heiliges, da passen auf einmal die scharf ausgefransten Ränder unserer Persönlichkeiten, die sonst dafür sorgen, dass wir uns wegen banalster Kleinigkeiten an die Gurgel gehen, ganz plötzlich exakt und weich ineinander, man unterschreibt sich mit einem Mal jeden Vertrag, und als Tinte dient uns dazu das dickste Blut; wir zapfen es uns selbst aus den Waden, schneiden mit schärfster Klinge den Aderlass: unterschreiben tun wir natürlich wie berüchtigte Piraten mit einem großen X, und weiter gehts! Vom Stumpfen zum Sakralen, der alte Grieche lässt mir den Vortritt – und es zergeht mir so sanft auf der Zunge, da muss gar nichts mehr gesagt werden, Schweigen, Stille. Es wird dabei sowieso nie ein Wort gewechselt, wir lauschen einfach dem übrigbleibenden weißen Rauschen, das die Kneipe und ihre sonstigen Gäste in den heiligen Hallen entstehen lassen, das wäscht unsere Sinne rein, nicht das Gebet!, und natürlich der Tsipouro wäscht unsere Sinne rein, das ist unsere Art von Gebet, gleich hier an Ort und Tresen, wir verneigen uns, ja, das tun wir, nur senken wir unsere Köpfe nicht, wir gehen vor keinem Herren mehr auf die Knie.
So sitzen wir da, wieder da, wieder nebeneinander, als sei dies unvermeidliches Schicksal, und vielleicht ist es das. Du, Helmut, sagt der alte Grieche dann auf einmal, mein babas hat noch sechshundert Gallonen Tsipouro im Keller, sechshundert!, in Griechenland klar, aber was soll ich damit tun? Was?, was nur?
Ja, sage ich zum alten Griechen, ja.