Capablanca, Eloge (Gianni – zwei dunkle Weizen!)

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Freitags zieht es uns in die Stadt, auf den Marktplatz, der letzten uns verbliebenen Bastion – Capablanca – wo wir sie zwar alle sehen, die maladen Bürger, die Dorfdeppen und Kraucher, die Nichtsnutze, die Schöngeföhnten, die Operierten und die Umgestülpten, jedoch von keinem gesehen werden können; denn wir sind Geister. Ein Tisch ist stets und für alle Zeiten für uns reserviert, es ist immer der gleiche Tisch, jeder Gast weiß das und meidet ihn deshalb, denn auch Geister können beißen, wenn sie nur wollen. Ein alter, schwerer Aschenbecher mit einem Motiv von Dürer ist unser einziges Eigentum, denn der Rest wird unter unseren Händen rasch zu Flüssigkeit und Schmauch, nichts verbleibt bei uns; gierig sind wir in die ewigen Jagdgründe eingegangen, gierig bleiben wir auch auf der Schäl Sick des Hades.

Wir schlafen gerne lang: erst gegen Mittag kriechen wir aus unseren Erdlöchern, pulen uns den Schlaf und die Maden aus den Augenwinkeln, lutschen uns die Zehen warm und suchen nach unserem besten Hemd, finden keins und stehlen’s dann einfach dem Nachbarn, der sowieso gerade seine frische Wäsche aufgehangen hat – noch ein wenig feucht unter den Achseln und am Kragen ist es, das gute Stück, aber das wird, das wird!, bis wir in der Stadt sind, ist das längst trocken! (der Nachbar ist eh ein oller Büggel und ständig miesepetrig, außerdem kocht der ständig stinkige Suppe und pisst uns manchmal auf die Köpfe, also keine Reue). Fein herausgeputzt sehen wir nun aus und so gehen wir auch los, regelrecht euphorisiert flanieren wir über den Kopfstein, grüßen die Katzen, die in den Hauseingängen noch den Schlaf predigen, unter unseren Sohlen wird das pralle Sonnenlicht zu kleinen Schattengräbern, zackig zackig, oder vite-vite!, wie meine Oma sagen würde; denn auch Geister schauen auf die Uhr.

Zeit, Zeit ist es nämlich! Durch ein enges Netz aus Straßen, an Ampeln und Kreisverkehren vorbei, wir brauchen keinen Kompass, Westentasche ahoi!, Genossenschaftshäuser, Friedhöfe (da kütt der Jupp, de Schäng, dr leeve Jung!, und langsam werden wir zu einer kleinen Armee, alsbald wird aus flanieren marschieren, denn da kennen wir uns Deutsche – Dojcze! – bestens aus, jaja) Geschäfte alt und neu, Tabakwaren sind von oberster Priorität, denn der Geist muss genauso wie der Mensch rauchen, denn im Rauch liegen die Wahrheiten … mit nur einem Fingerzeig, mit einem einzigen Zucken des Mundwinkels machen wir die Ladenhüter auf unsere Wünsche aufmerksam; so sind wir alte Seelen eben.

Und einmal am Ziel angekommen, verdichtet sich sogleich das Geschehen, denn wir Geister haben einander schließlich viel Neues zu erzählen: es sind ja nur die Lebenden, die sich immerzu wiederholen. Blicke werden aufgenommen, Gespräche begonnen oder weitergeführt, (Ich sach trotzdem, Bob Dillen is für’n Aasch!, auch wenn du mir den anpreist wie nix Gutes) Getränke werden bestellt: wir vertrauen ganz dem Schenk, das ist ein original italienischer Bastardo, der gerne starke Zigarren raucht und uns in und auswendig kennt; der kennt jeden Gast in und auswendig, und der macht keinen Unterschied, ob arm, ob reich, ob schön, ob hässlich, dumm oder klug. Manches darf eben schön sein und auch schön bleiben; wenn wir unter den aufgespannten Schirmen sitzen und unsere Glimmstengel paffen und ganz behutsam an unseren Spirituosen nippen; das darf schön sein. Das Sehen, das Schauen, das Starren, das Erkennen und Wiedererkennen – ach, is das dahinge etwa der Karl-Heinz? – ; das darf schön sein. Ein Schwatz, ein Schnack, ein kurzes Geplänkel, ein bisschen Prosodie, ein wenig Heiteres – noch zwei, ja? – wir kennen das, wir kennen, zugegebenermaßen, recht wenig von der weiten Welt, doch das hier, das reicht uns, denn wir haben ja schließlich den ewigen Müssiggang noch vor uns, also ist alles möglich!

Es wird spät, die Marktstände bauen ab für den Tag, die Geschäfte schließen eins nach dem anderen, nur wir bleiben sitzen, in Rauch eingehüllte Schatten oder Leerstellen oder Zeichen im angenehm beginnenden Rausch, beschwipste Semiotik; und das Erzählte und Gefragte und Berichtete und Nachgedichtete umkreist und umspannt die ganze Welt, die halbe wenigstens – einer schwärmt von den feinkörnigen Stränden Brasiliens, der andere berichtet von der Umrundung des Baikal-Sees, (als erster Geist aus dem Westen überhaupt!) mit seinem umgebauten Allradfahrzeug, der nächste will einen gesehen haben, den wir seit Jahren schon für tot halten, beziehungsweise wissen wir, dass derjenige – ein ganz abgerissener Hund – tatsächlich längst unter der Erde ist, finito, Ende aus!, denn er sitzt hier neben uns, zwar etwas lädiert, Fresse ramponiert, (Autounfall?, nee, ehemaliger Mittelrheinmeister, Halbschwer) doch unser Kumpan ist sicher, er hat ihn gesehen!, und zwar in Fleisch und Blut und mit dicken Eiern, in einer der Gassen von Kleinenberg, in einer dieser pimmeligen Gassen, ruft irgendjemand dazwischen, aber der hat jetzt endgültig genug!, sag ich, ruf ich, der kriegt ab sofort nur noch Espresso.

Dann legt sich die Nacht ganz sachte über die Dächer und in unsere Köpfe, die Lichter gehen aus, stockfinster wirds, doch wir wollen noch nicht heim, obwohl wir wissen, dass es Zeit wird; wie kleine Rotzlöffel bitten und betteln wir: Gianni!, eine Runde noch, Mamma mia, und bitte spiel dazu Adriano Celentano, ja?, doch schon ist der Grauburgunder aus und bald auch das Bier, Mensch!, und der Gianni will ja auch mal nach Hause!, jaja, is gut, schon jut, wir gehen ja, loss mer jonn, oder mit mehr Promille: lammajon! Wer ist denn immer dieser Lammerjon?, fragt da doch glatt einer, ich antworte: Dich kann man ja gar nicht mehr ernstnehmen – kurzes Raunen, Aufbegehren, Hömma, SO aber nich!, und dann bitte wieder Konzentration die Herren! und zwar auf den letzten Schluck. Jede Kippe wird ausgedrückt, jeder beehrt noch einmal den alten Dürer, Gläser werden zusammengestellt und Mäntel übergezogen, frisch wirds, langsam geht’s auf den Herbst zu.

Die Kolonne zieht los, die einen in diese Richtung, die anderen in jene, wie der Wind zerteilt es uns in alle Himmelsrichtungen, wir wabern so dahin, als hätten wir uns Äther durch den Bauchnabel gespritzt, fransen langsam an den Rändern aus und auch das gut duftende Hemd vom Nachbarn ist leidlich dahin, auf dem Weg durchströmen wir noch den ein oder anderen Betrunkenen, der in seinem Rausch lallend und furzend an einer Hauswand lehnt (hab ich auch wirklich alles dabei?, Schlüssel, Portemonnaie – Mensch, sach ma, hab ich vielleicht die Zeche geprellt?), und in diesem Moment, wenn wir ihm durch Leber und Herz diffundieren, hebt er den Kopf und sein Blick wird ganz klar und selig, eine Erkenntnis erlangt ihn!, nur welche, welche nur?: vergessen, vajessen, wa! Nach dem großen, dem heiligen Rausch sickern wir dann wieder ein in die Erde, die schon etwas frostig und feucht ist, dort, in unserem modrigen Bett, lauschen wir für eine Weile noch den Eulen und den Fledermäusen und blinzeln dem Mond hinterher, der sich allmählich hinter einen Vorhang aus Wolken begibt und auf mysteriös tut. Von was träumen Geister, fragst du? Na, vom prallen, vom vollen, vom guten Leben, von so einem wie du es hast, was soll ich noch sagen: Raus, raus mit dir!, und sauf und friß und küss und sing, und luder rum und gammel durch und glotz dir die Augen an jeglicher Schönheit matt, und schau dabei nicht ständig auf deine lächerliche Armbanduhr oder dieses andere Dingsbumsda, aber bedenke …

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